David (ezzy) @david
Renditekiller Teil 2: Heuristiken
Renditekiller Teil 2: Heuristiken
Im ersten Teil dieser Serie haben wir gesehen, wie das Kontrollmotiv und kognitive Dissonanz unser Anlageverhalten verzerren. In diesem zweiten Teil widmen wir uns den sogenannten Heuristiken – mentalen Abkürzungen, die uns helfen sollen, schnell zu urteilen, uns dabei aber systematisch in die Irre führen können.
Vereinfachen und schnell urteilen – Heuristiken
Menschen, die sich am Börsengeschehen beteiligen, stehen häufig vor der schwierigen Aufgabe, in kurzer Zeit aus einer Fülle von Informationen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Behavioral Finance beschäftigt sich daher intensiv mit der Anwendung von Daumenregeln, den sogenannten Heuristiken. Es handelt sich dabei um einen Automatismus, der zur Reduzierung der Komplexität sowie zu einer schnellen – oftmals aber nicht optimalen – Urteilsfindung eingesetzt wird. Dies kann sowohl bewusst als auch unbewusst geschehen.
Mentale Buchführung
Mit mentaler Buchführung wird die Gewohnheit bezeichnet, mögliche Abhängigkeiten zwischen einzelnen Engagements zu vernachlässigen. Menschen führen mehrere separate mentale" Konten, statt die Gesamtheit aller Positionen im Blick zu behalten. Dabei übersehen sie häufig den Diversifikationseffekt und verschenken Gewinnchancen.
Beispiel: Theaterkarte
Fall A: Herr Mustermann hat eine Theaterkarte für 100 Euro gekauft. Vor dem Theaterhaus stellt er fest, dass er die Karte verloren hat. Kauft er eine neue?
Fall B: Er hatte die Karte reserviert, verliert aber 100 Euro Bargeld aus dem Geldbeutel. Kauft er die Karte dennoch?
Aus ökonomischer Sicht sind beide Situationen identisch. Empirische Studien zeigen jedoch, dass die Mehrheit in Fall A auf den Theaterbesuch verzichtet, in Fall B die Karte kauft – weil zwei getrennte mentale Konten geführt werden.
Verfügbarkeitsheuristik
Zur Reduzierung der Komplexität wird auch die Verfügbarkeitsheuristik eingesetzt. So hält ein Anleger, der bereits einen Aktienmarktcrash erlebt hat, die Wahrscheinlichkeit eines Kurseinbruchs für deutlich höher als jemand ohne diese Erfahrung – unabhängig von der tatsächlichen statistischen Wahrscheinlichkeit. Anders herum geht`s natürlich auch: Viele Anleger, die seit 2007/2008 noch keinen "richtigen" Crash erlebt haben, gehen davon aus, dass jeder Crash V-Boden-förmig wie Corona oder der Tariff War endet und binnen Wochen oder Monaten vorbei ist - die Überraschung wird dementsprechend groß ausfallen, wenn der nächste große Turnaround kommt.
Der Ankereffekt
Um schnell zu einem Urteil zu gelangen, greifen Menschen häufig auf den Ankereffekt zurück: die Neigung, Einschätzungen mit – oft willkürlichen – Referenzwerten zu verknüpfen. Bei Kursprognosen dienen meist runde Niveaus, Höchst- oder Tiefstkurse als Anker. Die Orientierung an einem falschen Bezugspunkt verhindert eine neutrale Bewertung.
Experiment zum Ankereffekt: Probanden wurden befragt, wie hoch der Anteil afrikanischer Staaten an den Vereinten Nationen sei. Zuvor wurde jeder Gruppe eine zufällige Zahl präsentiert. Ergebnis: Die Gruppe mit der Zufallszahl 10 schätzte 25 %, die Gruppe mit der Zahl 65 kam auf 45 % – obwohl die Zufallszahl keinerlei Aussagekraft hatte.
Im dritten Teil geht es um ein weiteres Phänomen: die Repräsentativitätsheuristik – und warum unser Gehirn Muster sieht, die gar nicht existieren.
